Inhaltsverzeichnis und Leseprobe aus „Es werde Licht“ von Rocco Errico  © by Verlag Hans-Jürgen Maurer 2003

Aus technischen Gründen können die zahlreichen Fußnoten in dieser Leseprobe nicht wiedergegeben werden.

Titel der Originalausgabe:
Let There Be Light – The Seven Keys
ISBN 0-9631292-4-4
Erschienen bei Noohra-Foundation, Smyrna, GA, USA (www.noohra.com)
© 1994 by Dr. Rocco A. Errico

Deutsche Ausgabe:
© 2002 Edition Synthese im Verlag Hans-Jürgen Maurer
Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungen             11

Vorwort   13

Wie alles begann 13 • Der Zweck der sieben Schlüssel 14 • Bibelzitate 14 • Über dieses Buch 15

Einführung   17

Die Sieben Schlüssel 17 • Die Zahl Sieben 18 • Der semitische Hintergrund 18 • Der erste Schlüssel 19 • Der zweite Schlüssel 22 • Der dritte Schlüssel 22 • Der vierte Schlüssel 23 • Der fünfte Schlüssel 24 • Der sechste Schlüssel 25 • Der siebte Schlüssel 26 • Zusammenfassung 26

Teil Eins

Die sieben Schlüssel

Kapitel 1    Der erste Schlüssel: Aramäisch  28
Der Nahe Osten 28 • Die aramäische Sprache 29 • Die Hebräer 31 • Die aramäische Sprache öffnet die Tür zu biblischen Rätseln 33 • Noch mehr Rätsel 34 • Der Rätsel Lösung 35 • Eifersüchtig oder eifrig? 36 • Haß 37 • Wurde Jesus im Stich gelassen? 39 • Psalm 22 40• Ein alter Kommentar 42 • Schlußbemerkung 43 • Gegenüberstellung der Unterschiede 43 • Zusammenfassung 48

Kapitel 2    Der zweite Schlüssel: Redewendungen 49
Feststehende Redensarten 49 • Deutsche Redewendungen 49 • Biblische Redewendungen 50 • Nabal und Lots Frau 52 • Jakob segnet seine Söhne 53 • Das Gesetz und Gottes Vollkommenheit 53 • Poetische Redewendungen 55 • Hebräische Propheten 56 • Prophetische Redewendungen 57 • Redewendungen Jesu 59 • Hölle 60 • Problematische Ermahnungen 62 • Paulinische Redewendungen 63 •  Satan 67 • Ein Stachel im Fleisch 67 • Dem Satan übergeben 68 • Der Begriff „Teufel“ 69 • Vom Himmel fallen 71 • Abschließende Bemerkungen 72

Kapitel 3    Der dritte Schlüssel: Mystik 73

Weltliche Mystik 74 • Innere, geistige Mystik 74 • Träume und Visionen 74 • Die Bedeutung des Wortes „Traum“ 76 • Schlüsselhafte Redewendungen 77 • Abraham 78 • Mar Narsai 79 • Gott erscheint Abraham 80 • Drei Boten halten Mahl mit Abraham 81 • Moses 83 • Josua 86 • Jona 87 • Ezechiel 90 • Das Neue Testament 93 • Der Besuch 94 • Die Botschaft 96 • Die Apostelgeschichte 98 • Die Vision des Petrus 98 • Das Buch der Offenbarung 99 • Abschließende Bemerkungen 100

Kapitel 4    Der vierte Schlüssel: Die Kultur des Nahen Ostens 102
Brot 104 • Das tägliche Brot 106 • Der Apfel 107 • Der Garten Eden 108 • Windeln 109 • Über das Betreten eines Heimes 111 • Reisen 114 • Ohne Angst reisen 116 • Hochzeitsbräuche 116 • Die Hochzeit zu Kana 119 • Das letzte Abendessen 121 • Kindern nachts zu Essen geben 124 • Kopfbedeckung 126 • Die Länge des Haares 127 • Zum Schluß 129

Kapitel 5    Der fünfte Schlüssel: Semitische Psychologie 130
Zeit 131 • Frauen 134 • Was Paulus wirklich über Frauen sagte 135 • Engel und Frauen 137 • Frauen haben zu schweigen 137 • Gehorsam 138 • Scheidung und Wiederheirat 139 • Rechtsprechung im Nahen Osten 142 • Jesu Lehre 143 • Zivilprozesse 144 • Eine zusätzliche Meile gehen 145 • Liebe, segne, tue Gutes und bete 146 • Liebet eure Feinde 149 • Der semitische Ausdruck „Liebe“ 149 • Komische und humorvolle Elemente in der Bibel 150 • Jona und der Wal 152 • Esther und Isaak 155 • Schlußbemerkung 157

Kapitel 6    Der sechste Schlüssel: Biblische Symbolik 159
In Gleichnissen sprechen 159 • Was ist ein Gleichnis? 160 • Gleichnisse und das Reich Gottes 161 • Gleichnisse vom Reich Gottes 162 • Ein Mißverständnis 163 • Der Garten Eden, Adam und Eva 164 • Die verräterischen Zeichen 165 • Mißverstandene Vorstellungen 166 • Herabsetzung von Frauen 169 • Der Prophet Hosea 171 • Bildliche Sprache 172 • Der Ursprung des Namens Luzifer 173 • Luzifer, Sohn des Morgens 174 • Der Name Luzifer 175 • Warum Metaphern? 175 • Ezechiels metaphorische Sprache 177 • Michael und der Krieg im Himmel 180 • Gefallene Engel 181 • Poetische Philosophie – Hiob 184

Kapitel 7    Der siebte Schlüssel: Ausschmückung 188
Eine persönliche Erfahrung 189 • Widersprüche in Bibeltexten 190 • Die Geschichte von der Auferstehung 191 • Weitere Beispiele 191 • Poetische Umschreibung 192

Teil Zwei

Die praktische Anwendung der sieben Schlüssel

Kapitel 8    Das Alte Testament 197
Die Namen Gottes 197 • Die Einheit Gottes 200 • Cherubim 201   • Die Sage von Kain 203 • Das Kainsmal 206 • Geburtenkontrolle 207 • Und Gott erinnerte sich 208 • Gott bereut 210 •  Einem Fürsten huldigen 211 • Die Bereitschaft, sein Leben zu verlieren 212 • Der Bart und die Schande 213 • Der Herr schlug das Kind 215 • Polygamie 216 • Der Mantel 217 • Poetische Metaphern 218 • Abschließende Bemerkung 219

Kapitel 9    Das Neue Testament 220
Himmel 220 • Licht 222 • Der Name Jesu 224 • Der einzig Gezeugte 226 • Symbolik 229 • Kind der Hölle 230 • Satan – eine gewöhnliche Redensart 231 • Bildliche Redeweise 233 • Liebe Kinder 235 • Paulus lehrt die Kreuzigung 235 • Sieg über den Tod 237

Kapitel 10    Hier und da in der Bibel 240
Himmlische Schätze 240 • Ein einfaches Auge 241 • Die Weisen und der Stern 243 • Seele und Geist 245 • Die Bedeutung der Seele 247 • Ezechiel und die Seele 248 • Das Neue Testament und Seele 249 • Geist 250 • Butter und Honig 253 • Aufrichtige Demut 254 • Barmherzigkeit 256 • Der Tod und die Auferstehung Jesu 259 • Schlußbemerkung 261

Glossar   263
Bibliographie   266
Über den Autor   269
Hinweise

Vorwort

Wie alles begann

Zehn Jahre lang war ich in der äußerst glücklichen Lage, Dr. George Lamsa (1892-1975), einen gebürtigen Assyrer, zum Mentor und Freund zu haben. Dr. Lamsa war nahöstlicher Theologe, Aramäisch-Experte, Bibelübersetzer und Ethnologe. Im Jahr 1957 veröffentlichte er seine englische Übersetzung des aramäischen Peschitta-Textes1 der Heiligen Schrift.
Im August 1962 begann ich, alle veröffentlichten Werke dieses großen nahöstlichen Bibelgelehrten gründlich zu studieren. Ich leitete auch Kurse über die aramäische Sichtweise der Bibel und über bis heute unveränderte nahöstliche Gebräuche.
Nahezu umgehend erhielt ich von Organisationen verschiedener Konfessionen Anfragen nach einem Lehrsystem, das den nahöstlichen, aramäisch-kulturellen Standpunkt kurz und prägnant darstellt. Aus diesem Anlaß entwickelte ich „Die sieben Schlüssel“. Sie sind ein Grundkurs, der die Bibel durch nahöstliche Augen gesehen zeigt und damit zu einem umfassenderen Verständnis der Bibel führt. Seine Inhalte sind nicht auf die Interpretation einer bestimmten Konfession beschränkt. Gerade dieser Ansatz macht es Menschen, die keine biblischen Vorkenntnisse besitzen, leichter, die Aussagen der Bibel zu erfassen.
In den frühen siebziger Jahren stellte ich dieses Programm in den USA, Kanada und Mexiko vor.
Schon nach der ersten Präsentation der „Sieben Schlüssel“ wurde ich mit Briefen und Anfragen überhäuft, das Seminarmaterial mit weiteren ergänzenden Informationen in Buchform herauszubringen. So entstand dieses Buch.

 

Der Zweck der sieben Schlüssel

Dieses Buch basiert auf meiner zehnjährigen intensiven Ausbildung bei Dr. Lamsa, meiner Kenntnis der aramäischen und hebräischen Sprache und meiner fortgesetzten wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet nahöstlicher Bibelstudien.
Obwohl sich dieses Buch von den historisch-kritischen und literarischen Methoden der heutigen akademischen Bibelanalyse unterscheidet, schließt es einige ihrer Erkenntnisse und Folgerungen ein. Die Informationen stammen jedoch zusammen mit neuen Daten aus meinem Seminarmaterial.
Die sieben Schlüssel verschaffen einen einfachen und direkten Zugang zur Heiligen Schrift. Sie sollen den Leser mit semitischen Bräuchen und semitischem Denken bekannt machen. Ich schreibe in allgemeinverständlicher Umgangssprache und vermeide schwierige theologische Fachausdrücke. Dieser Lehrgang baut eine Brücke, damit jeder in die nahöstliche Welt des Altertums eintreten kann.
Es ist nicht meine Absicht, den Leser zu irgendeinem Glaubens- oder Interpretationssystem der Bibel zu bekehren. Mein Ziel ist, einen alternativen Weg aufzuzeigen, den man im Erforschen und Studieren des Alten und Neuen Testaments beschreiten kann.

Bibelzitate

Bibelzitate dieser deutschsprachigen Ausgabe sind der Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984, abgekürzt „LB“, und der Einheitsübersetzung, abgekürzt „EÜ“, entnommen. Die wenigen Fälle, in denen auf die Lutherbibel von 1912 zurückgegriffen wurde, sind mit „LB 1912“ gekennzeichnet. Einige Texte wurden aus der englischen King-James-Version der Bibel übersetzt und mit „KJV“ gekennzeichnet. Die King-James-Bibel wurde im Jahr 1611 fertiggestellt, also 77 Jahre nach der ersten Ausgabe der Lutherbibel von 1534. Sie ist aufgrund ihrer großen sprachlichen Schönheit die klassische Bibelübersetzung ins Englische und bis heute auch die in der englischsprachigen Welt am meisten verbreitete. Obwohl die aus der KJV übernommenen Verse vorrangig Probleme behandeln, die sich nicht auf die deutschen Bibelübersetzungen beziehen, ist deren Erklärung doch auch für den deutschsprachigen Leser außerordentlich aufschlußreich.
Ich habe auch die Bibelübersetzung von Dr. George M. Lamsa benutzt: „The Holy Bible from Ancient Eastern Manuscripts“2 und mit „Lamsa“ gekennzeichnet. Bibelpassagen, die ich direkt aus den aramäischen Peschitta-Manuskripten, das heißt, dem Codex Ambrosianus (Altes Testament) und den Mortimer-McCawley-Rollen (Neues Testament) übersetzte, sind mit „Errico“ gekennzeichnet. Verweise auf Zitate anderer Autoren erscheinen in den Fußnoten.
Es sei ausdrücklich betont, daß dieses Buch keine erschöpfende Studie, sondern ein durch nahöstliche Augen gesehener Panoramablick auf die Bibel ist.

Über dieses Buch

Ich habe dieses Buch in zwei Teile und eine Einleitung gegliedert: Teil Eins, Kapitel 1-7, entfaltet jeden einzelnen der sieben Schlüssel, indem er auf biblische Beispiele Bezug nimmt. Kapitel 8-10 in Teil Zwei enthalten je einen Kommentar zu Versen aus dem Alten Testament und aus dem Neuen Testament. Ich wählte Verse aus, die in meinen Seminaren und Vorträgen am häufigsten hinterfragt wurden. Diese Kommentare illustrieren, wie die sieben Schlüssel auf die verschiedenartigsten Textstellen der Heiligen Schrift angewendet werden können.
Eine Kollision mit konfessionellen Interpretationen und theologisch-biblischen Verflechtungen versuchte ich so gut wie möglich zu vermeiden, was bei gewissen zitierten Textstellen jedoch nicht möglich war. Offensichtlich haben einige Bibelinterpreten zu bestimmten Versen gewaltige Dogmen und verwirrende Vorstellungen formuliert, nicht wissend, daß diese nur eine Redewendung, eine Metapher oder einen Brauch enthalten.
Mein aufrichtiger Wunsch vor allem aber ist, daß die Lektüre dieses Buches Ihnen Freude bereiten möge. Möge es Sie zu weiterem Erforschen und größerem Verständnis der Bibel anleiten. Sein Material wird Ihnen helfen, die Tür zur antiken Welt der Bibel zu öffnen.

 

Einführung

Brechen wir nun zu einem großen Abenteuer auf und begeben wir uns auf einem ungewöhnlichen Weg in die geheimnisvolle und oft schwer faßbare Welt des Nahen Ostens. Während wir durch die Seiten der Bibel reisen, werden wir, die sieben Hauptschlüssel anwendend, viele uns verwirrende Textstellen und rätselhafte Verse entschlüsseln und ihre unkomplizierte Bedeutung erkennen. Diese sieben Schlüssel ermöglichen dem Leser, die Schönheit und schöpferische Kraft der Bibel, wie sie nahöstliche Augen sehen, zu empfinden. Sie befähigen uns, wie die semitischen Autoren der Bibel denken und fühlen zu lernen. Durch die sieben Schlüssel werden die Beweggründe und Lehren der hebräischen Patriarchen, Propheten, Jesu und seiner Jünger lebendig.

Die sieben Schlüssel

Ziel dieses Buches ist es, unverständliche Bibelstellen, möglicherweise falsch verstandene Vorstellungen über den Gott Israels, die Lehren Jesu, die Menschheit und das Universum zu klären. Studieren wir die Bibel aus einer nahöstlichen Perspektive, nehmen wir ein authentischeres und ganzheitlicheres Bild unserer selbst und unserer Welt wahr.
Die sieben Schlüssel überbrücken viertausend Jahre Geschichte. Folgen wir dem nahöstlichen Denken und seiner Anwendung der Zahl Sieben, ergeben sich folgende Schlüssel zur Bibel:

1.         Die aramäische Sprache

2.         Feststehende Redewendungen in der Bibel

3.         Die Mystik des Nahen Ostens

4.         Die semitische Kultur des Nahen Ostens

5.         Die Psychologie des Nahen Ostens

6.         Symbolik des Nahen Ostens

7.         Die nahöstliche Ausschmückung einer Aussage

 

Die Zahl Sieben

Nahöstliche Semiten glauben, daß alle Zahlen eine Bedeutung besitzen, die über ihren numerischen Wert hinausgeht. Für sie ist die Zahl Sieben die heiligste aller Zahlen. Dennoch ist es nicht ungewöhnlich, daß sie Teil ihrer alltäglichen Sitten, Gebräuche und Gespräche ist. In den Schriften biblischer Autoren kommt die heilige Zahl Sieben sehr häufig vor. In Genesis Kapitel eins zum Beispiel wimmelt es offen und versteckt von dieser heiligen Zahl.
Ein anderes Beispiel ist die Offenbarung des Johannes. Ihr literarischer Aufbau beruht auf Siebenfältigkeit, und in ihrer besonderen Bedeutung kommt die Sieben sehr häufig vor: sieben Kirchen, Engel (Boten), Ermahnungen, Leuchter, Siegel, Trompeten, Kugeln und so weiter.
Einige Forscher behaupten, die Übernahme der Zahl Sieben habe in der Astronomie ihren Ursprung. Im Altertum waren sieben Planeten (Himmelskörper) bekannt: Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Der jüdische wie der muslimische Kalender beruhen auf Mondphasen, und ihre Monate haben 28 Tage. Sieben ist ein Viertel dieser Einheit. In den Kulturen des Nahen Ostens bedeutet „Sieben“ Ganzheit und Vollkommenheit. Diese Tradition aufgreifend, erarbeitete ich sieben Schlüssel für meinen Zugang zur Heiligen Schrift.

Der semitische Hintergrund

Es ist sehr wichtig, das Umfeld, in dem die Bibel entstanden ist, zu kennen. Allzu leicht vergessen wir, daß die Heilige Schrift ein nahöstliches Buch ist, dessen Autoren und Redaktoren in erster Linie für semitische Menschen schrieben. Bildlich gesprochen sind die biblischen und philosophischen Wahrheiten in nahöstlichen Gewändern in die westliche Welt getreten. Allein diese Tatsache ist für Bibelleser eine Herausforderung. Diesen Sachverhalt beschreibt Dr. Abraham M. Rihbany, ein libanesischer Geistlicher und Autor, sehr prägnant in seinem Buch „The Syrian Christ“:

„Für den westlichen Bibelleser besteht meines Erachtens die Notwendigkeit, sich einfühlend und verständnisvoll in die Atmosphäre, in der die Bücher der Heiligen Schrift entstanden sind, zu begeben und sich sowohl intellektuell als auch geistig mit jenen Menschen des Nahen Ostens [den Semiten] zu verbinden, die auf ihre Weise ernsthaft versuchten, jenen geistigen Wahrheiten greifbare Gestalt zu geben, die stets das kostbarste Erbe der Menschheit gewesen sind und es immer sein werden.“

Wir sollten immer bedenken, daß die Verfasser der Heiligen Schrift für ihre Landsleute des Nahen Ostens und nicht für uns, Menschen der westlichen Welt, schrieben. Nichtsdestoweniger gelten die ewigen Wahrheiten, die sie lehrten, der ganzen Menschheit. Die nachfolgenden Abschnitte skizzieren kurz den Grundgedanken eines jeden Schlüssels und wie diese Schlüssel die sogenannten Rätsel der Bibel erschließen.

Der erste Schlüssel: Die aramäische Sprache
Im Jahr 1943 veröffentlichte Papst Pius XII. eine Enzyklika, in der er die Notwendigkeit unterstrich, die Heilige Schrift aus den zu ihrer Entstehungszeit herrschenden Bedingungen heraus zu interpretieren. Die Enzyklika betonte die Bedeutung des Studiums der biblischen Sprachen als eine solide Grundlage für das Verständnis der Heiligen Schrift. Aramäisch war die Muttersprache Jesu Christi. Im Jahr 1971 wies die römisch-katholische Kirche mit großem Nachdruck auf den Wert der Bibel hin.

„Der Ökumenische Rat des Vatikans gab der Bibel primäre Bedeutung in der Kirche. Römisch-katholische Exegeten behandeln sie nicht mehr so, als sei jedes ihrer Details eindeutig. Wie ihre protestantischen Kollegen untersuchen sie die Möglichkeit, daß die Bibel eher Gedanken zum Ausdruck bringt als eindeutig historische Fakten berichtet. Sie arbeiten sich in hebräische und aramäische Texte ein. Sie forschen nach vielleicht noch versteckten Bedeutungen.“

Aramäisch, Hebräisch und Griechisch sind die drei Hauptsprachen, aus denen die Bibel übersetzt wurde und die man zu ihrer Erforschung heranzog. Für unsere Studien wählte ich in diesem Buch Aramäisch, beziehe mich aber, wenn erforderlich, auch auf die hebräische Sprache. Aramäisch und Hebräisch sind verwandte (Schwester-)Sprachen. Ungefähr im 8. Jahrhundert v. Chr. war Aramäisch – eine semitische Sprache – die Sprache dreier mächtiger Königreiche: Assyrien, Babylon (Chaldäa) und Persien (heute Iran). Auch zu Lebzeiten Jesu wurde in Palästina Aramäisch gesprochen. Bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. blieb es im Nahen Osten die Sprache der Religion und des Handels. Dann begann Arabisch langsam Aramäisch als Verkehrssprache abzulösen.
Aramäisch ist weit davon entfernt, eine tote Sprache zu sein. Bis zum heutigen Tag wird es in verschiedenen Teilen der Welt gesprochen. Überall in den USA, im Libanon, Irak, Iran, in Syrien, Schweden und Australien gibt es viele assyrische und chaldäische Gemeinschaften, große und kleine, die diese Sprache sprechen.4 Allein in Deutschland leben um die 60.000 Aramäer.
Jesus, seine Jünger und seine Zeitgenossen lehrten und predigten in Aramäisch. Papias (ungefähr 60-130 n. Chr.), Bischof von Hierapolis in Kleinasien, berichtet, daß Matthäus sein Evangelium in Hebräisch (Aramäisch) schrieb. Der Geistliche Dr. phil. Carl Sumner Knoph sagt: „Teile des Matthäus-Evangeliums weisen definitiv auf eine griechische Wiedergabe eines früheren aramäischen Originals hin.“ Er sagt auch, daß Jesus und seine Jünger das einheimische jüdische Aramäisch sprachen.
Nach einer von einigen westlichen Wissenschaftlern unterstützten Theorie verfaßten die Autoren von Matthäus, Markus, Lukas, Johannes und der Apostelgeschichte diese Bücher ursprünglich in Aramäisch. Interessanterweise behaupten einige nahöstliche Exegeten, das ganze Neue Testament habe, bevor es auf Griechisch erschienen sei, in Aramäisch existiert und zwar in palästinensischem Aramäisch. Es sei dann ins Griechische übersetzt und später in die vorhandenen ostaramäischen (Estrangela-)Manuskripte rückübersetzt worden.
Wie dem auch sei, ich bin der Überzeugung, der Urtext des Neuen Testaments war Aramäisch und ist nicht aus dem Griechischen rückübersetzt worden. Dennoch ist es nicht die Absicht dieses Buches, Aramäisch als die ursprüngliche Sprache der Evangelien zu beweisen oder zu verwerfen. Mein Fokus liegt auf der semitischen, aramäischen Sprache, ihrem Einfluß auf und ihrer Bedeutung für die Untersuchung des Neuen Testaments.
Ich werde Übersetzungen aramäischer Texte vorlegen und Aspekte nahöstlicher Kultur aufzeigen, damit wir aus dieser Perspektive unser Verständnis der Bibel erweitern können. In den folgenden Kapiteln werden wir den ersten Schlüssel anwenden und im Textvergleich beträchtliche Differenzen zwischen deutschen Bibelübersetzungen und Übersetzungen aus aramäischen Texten feststellen.

Der zweite Schlüssel: Redewendungen

Die Bibel ist voller semitischer Redewendungen. Redewendungen führen in jeder Sprache hin und wieder zu Mißverständnissen. Sprachen, in die die Bibel übersetzt wurde, bilden da keine Ausnahmen. Die Heilige Schrift enthält viele feststehende Redewendungen, die, weil sie wörtlich übersetzt wurden, nicht leicht zu verstehen sind.
Eine Definition von Redewendung (Idiom) wird zusammen mit vielen biblischen Beispielen in Kapitel 2, „Redewendungen“, gegeben. Ziel dieses Buches ist, den Leser mit verschiedenen wichtigen Redewendungen und idiomatischen Ausdrücken bekannt zu machen.

Der dritte Schlüssel – Mystik

Wir würden semitischen Menschen Unrecht tun, würden wir nicht ihre mystische Natur und ihre Fähigkeit, spirituelle Träume und Visionen zu haben, anerkennen. Die Mystik der Bibel ist sehr erdverbunden und praktisch. Geistige Prinzipien und die mystische Atmosphäre jener Prinzipien kommen aus dem Herzen und der Seele eines Volkes. Es ist hilfreich, sich das zu vergegenwärtigen. Semiten sagen oft: „Unsere Sinne können das innige Flüstern des göttlichen Geistes hören.“
Über 40 Prozent der Bibel basieren auf Mystik. Das Spektrum der Mystik umfaßt Träume, Visionen, Stimmen, Heilungen, Hellhören (inneres Hören), Hellsehen (inneres Sehen) und außerkörperliche Erfahrungen. In den folgenden Kapiteln werden wir viele Passagen der Heiligen Schrift untersuchen, die sich mit diesen mystischen Erfahrungen befassen.

Der vierte Schlüssel: Die Kultur

Wollen wir die Menschen eines Landes verstehen, ist es notwendig, mehr als nur die Geographie ihres Landes zu kennen. Deshalb müssen wir uns, um mit dem Geist der Bibel mitgehen zu können, mit der Kultur des einfachen Volkes vertraut machen. Die biblischen Verfasser waren von ihrer eigenen Kultur stark beeinflußt. Ihre sozialen Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche, spielten im Leben ihres Volkes eine große Rolle. Untersuchen wir die sozialen Kräfte, die die Einwohner der biblischen Länder beherrschten, können wir den inneren Impuls, der die Autoren der Bibel leitete, erkennen.

Was unseren Zugang zur Bibel über die nahöstliche Kultur von anderen Systemen, die Bibel zu studieren, unterscheidet, ist Folgendes: In den Weiten des Gebirges des heutigen Kurdistan wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Volk entdeckt, von dem man glaubte, es sei längst ausgestorben. Es stammte von den Assyrern ab, die in der Antike den Nahen Osten beherrschten. Diese Nachkommen, deren Blut heute größtenteils mit dem der zehn nördlichen Stämme Israels vermischt ist, leben, denken und sprechen noch wie die Menschen, unter denen Jesus geboren wurde und die er seine Botschaft lehrte. Der britische Gelehrte Dr. W. A. Wigram, der unter diesen Menschen lebte, schreibt:

 „Wir haben nun die Geschichte eines merkwürdigen Volkes von den frühesten Tagen bis in unsere heutige Zeit – genau gesagt, bis zum Anfang des Großen Krieges [der Erste Weltkrieg] verfolgt. ... Dieses Volk, ein seltsamer Überlebender in einem isolierten Winkel der Welt, die letzten Repräsentanten der antiken Assyrer, hat bis heute die meisten ursprünglichen semitischen Bräuche in einem Ausmaß gepflegt, wie anderswo kaum eine Parallele zu finden ist, auch nicht im mesopotamischen Sumpfland. Eines ist sicher, daß sich die Assyrer mit Recht rühmen, das einzige aller christlichen Völker zu sein, das noch eine Umgangssprache besitzt, die im ersten Jahrhundert anerkanntermaßen die Sprache Palästinas war, und daß sie daher unter den christlichen Nationen die einzigen sind – abgesehen von den Bewohnern einiger Dörfer im Libanon – , die noch regelmäßig die Sprache Christi sprechen.“

Der fünfte Schlüssel: Psychologie

Brauchtum und Psychologie sind miteinander verknüpft. Bräuche entstehen aus der psychologischen Natur eines Volkes. Menschen des Nahen Ostens (Semiten) denken anders als wir und reagieren auf Lebensumstände dementsprechend auch anders als wir. Ein Beispiel: Sie möchten ein berühmter Redner werden. Im Westen würden Sie einen Agenten für Public-Relation engagieren und selbst die Werbetrommel rühren. Nicht so im Nahen Osten. Dort würden Sie sich rar machen und warten, bis man auf Sie zukommt. Jesus sagte: „Wer sich erhöht, soll erniedrigt werden, und wer sich erniedrigt, soll erhöht werden.“
Ein anderes Beispiel: Sie möchten einem Redner gratulieren. Im Nahen Osten müßten Sie zu ihm sagen: „Ich habe von dem, was Sie sagten, kein einziges Wort verstanden.“ Im Westen wäre der Redner beleidigt. Im Nahen Osten dagegen wendete er sich gen Himmel, um Gott von ganzem Herzen zu danken. Der Zusammenhang ist, daß der Redner so tiefsinnig war und ein so großes Wissen hatte, daß Sie wiederkommen müssen, um ihn erneut zu hören. Sie haben ihm dann wirklich ein großes Kompliment gemacht.

Der sechste Schlüssel: Symbolik

Zur Symbolik des Nahen Ostens gehören Parabeln, Gleichnisse, poetische Philosophie und eine bilderreiche Ausdrucksweise. Hebräische Propheten benutzten viele Symbole. Zum Beispiel bezeichneten sie Großmächte als Löwen, Bären und Leoparden und kleinere Völker als Ziegen oder Lämmer.
Ein Symbol prägt sich dem Gedächtnis tiefer ein als viele Worte und wird nicht so leicht vergessen. Die Offenbarung des Johannes enthält mehr als tausend Symbole. Sein Autor beschreibt zum Beispiel ein Lamm mit sieben Hörnern und sieben Augen, ein Bild, das mit Sicherheit einen bleibenden Eindruck hinterläßt. Nahöstliche Menschen konnten diese Symbole natürlich sofort erfassen. Die Sieben steht für Vollkommenheit und Ganzheit. Das Lamm kündigt Jesus als Messias an. (Metaphysisch: das Lamm ist auch ein Symbol für gechristetes/gesalbtes Bewußtsein). Sieben Hörner bedeuten uneingeschränkte Autorität, und die sieben Augen stellen vollkommene visionäre Kraft und Einsicht dar.
Parabeln und Gleichnisse sind ebenfalls sehr wichtig, da nahöstliche Lehrer ihre Vorstellungen und Gedanken in Geschichten mitteilen. Geschichtenerzähler erzählen Parabeln und Gleichnisse, damit die Zuhörer ihre Lehren nicht vergessen. Auf einen nahöstlichen Menschen macht eine Parabel einen größeren Eindruck als „nur“ ein Tatbestand. Jesus, ein Mensch des Nahen Ostens, vermittelte seine Erkenntnisse und Lehren in Gleichnissen, damit das allgemeine Volk seine Rede verstand und sich an sie erinnerte. Auch die Propheten kleideten ihre Ermahnungen in Parabeln, Gleichnisse, Allegorien und Metaphern.
Das beste Beispiel für poetische Philosophie ist das Buch Hiob. Seine Geschichte von den eine nach der anderen über den armen Hiob hereinbrechenden Katastrophen ist eine unvergeßliche Saga, in typisch nahöstlichem Stil geschrieben. Der Autor oder die Autoren des Buches Hiob schrieben diese Geschichte, um die philosophische Frage, warum gute Menschen leiden, zu beantworten.
In den folgenden Kapiteln werden wir uns einige symbolische Darstellungen der Bibel anschauen.

Der siebte Schlüssel: Ausschmücken

Semiten genießen es, in eine Situation mehr „Farbe“ hineinzubringen. Ihnen widerstrebt es, ein Geschehen einfach als Tatsache mit exakten Details zu schildern. Welch besseren Weg gibt es, ein Ereignis zu verherrlichen und unvergeßlich zu machen, als es auszuschmücken und aufzubauschen!

Um die Absicht des Ausschmückens besser verstehen zu können, wollen wir eine Begebenheit mit einem wunderschönen Ölgemälde vergleichen. Rahmt man ein Gemälde, wird die dargestellte Szene vorteilhaft zur Geltung gebracht. Das Bild hat nun Dimension und eine bestimmte Begrenzung erhalten. Menschen des Nahen Ostens lieben es, Ereignisse oder Situationen zu rahmen. Ein Redner oder ein Schriftsteller wird seiner Geschichte zum Beispiel nicht nur Hunderte, sondern gleich Tausende von Menschen hinzufügen.
Biblische Schriftsteller übertreiben also nicht, um zu täuschen, sondern um ein Ereignis dauerhaft zu rahmen und es wahrhaft unvergeßlich zu machen.

Zusammenfassung

Wir sind im Begriff, unsere Reise durch die Heilige Schrift mit Hilfe der Sieben Schlüssel zu beginnen. Wir werden Bibelstellen, die uns verwirren, aufschlagen, und Licht auf sie fallen lassen. Wo immer es möglich ist, werden wir dogmatische und konfessionelle Überzeugungen, Bekenntnisse und strittige Fragen umgehen.

Mit den sieben Schlüsseln in Händen sind wir nun bereit, uns auf einem imaginären fliegenden Teppich zurückzulehnen. Dieser Teppich wird uns in die antike, rätselhafte, biblische Welt des Nahen Ostens tragen. Auf unsichtbaren Luftwegen geleitet, werden wir durch die Seiten der Bibel reisen und zu einem klareren Verständnis der Heiligen Schrift finden. Brechen wir auf zu vielen Begebenheiten und Episoden dieses faszinierenden Buches, das wir Bibel nennen.