Leseprobe aus "Sufismus - Das mystische Herz des Islam" 
von André Ahmed Al Habib
Copyright 2005 Verlag Hans-Jürgen Maurer

Inhalt

 

1. Was ist Sufismus?                                                                                                 

 2. Der Glaube der Sufis

2.1 Die Einheit des Seins

2.2 Die göttlichen Attribute

2.3 Der vollendete Mensch

2.4 Die Schöpfung als Licht

2.5 Buchstaben- und Zahlenmagie

 

3. Kritik am Leben des Menschen                                                     

3.1 Die Menschheit schläft

3.2 Die Gewohnheiten

3.3 Die Nafs

 

4. Der Weg                                                                                         

4.1 Die Tariquats

4.2 Die Stationen des Aufstiegs

4.3 Der Scheich

4.4 Die Gemeinschaft

 

5. Die Praxis                                                                                       

5.1 Das Gebet

5.2 Das Dhikr

5.3 Das Fiqur

5.4 Bewegung und Tanz

5.5 Lataif und Lichtwelten

5.6 Fasten und Klausur

5.7 Arbeit und Hingabe

5.8 Die Pilgerfahrt

5.9 Die Herzensbindung

5.10 Träume

5.11 Liebe, Sexualität und Ehe

5.12 Drogen und Wein

5.13 Exkurs: Geisterkulte und Magie in der islamischen Welt

 

6. Die Verbreitung der Lehre                                                              

6.1 Soziale Aktivitäten

6.2 Politische Einflussnahme

6.3 Heilung und Medizin

6.4 Musik

6.5 Kunst, Kalligrafie und Architektur

6.6 Sufische Einflüsse in der Literatur

 

Literaturverzeichnis

 

 Leseprobe:  

1. Was ist Sufismus?

 Jede Religion hat ihre mystische Quintessenz und im Islam ist das der Sufismus. Das Wort »Sufismus« kann man auf unterschiedliche Wortstämme zurückführen: Im Allgemeinen wird es vom arabischen Suf (Wolle) hergeleitet. Damit wird auf jene Männer und Frauen Bezug genommen, die nur grobe Wollgewänder trugen, um sich in ihrer Gottessuche von der übrigen Welt abzugrenzen. Eine tiefere Bedeutung von Suf wäre dann »verwoben sein«, womit angedeutet wird, dass die Mystiker die Schöpfung als eine zusammenhängende Einheit erkannt haben. Eine weitere Herleitung geht auf das arabische Wort safia (heilig) zurück. Sufi lässt sich aber auch mit Ahle Suffe (arabisch: »die Menschen der Anhöhe«) in Verbindung bringen, womit jene Gruppe von Männern und Frauen gemeint ist, denen der Prophet Mohammed  jeden Morgen auf der Terrasse vor der Moschee in Medina die esoterischen Prinzipien des Islam erklärte. Und der französische Orientalist Henry Corbin legt dar, dass man Sufi mit dem griechischen Wort Sophisten in Verbindung bringen kann, womit in früheren Jahrhunderten im arabischen Raum jene Wahrheitssucher bezeichnet wurden, die außerhalb der Konventionen lebten.

 

Abu Said (gest. 1049), einer der großen islamischen Mystiker, ritt einmal mit Freunden an einer Mühle vorbei. Er hielt an und fragte seine Begleiter, ob sie das Geklapper der Mühle verstünden. Sie verneinten. Da sprach er: »Sie sagt: ›Sufismus ist mir selbstverständlich. Ich nehme das Grobe auf und fein gemahlen gebe ich es zurück. Ich reise um mich selbst und in mir selbst und darum scheide ich aus, was ich nicht brauche.‹«

 In Persien werden die Sufis Derwische (Bettler) genannt. Das kommt daher, dass viele der frühen Mystiker ihren Lebensunterhalt als Bettler verdienten.

 Es heißt: »Die Welt weist den normalen Bettler zurück, der Derwisch aber weist die Welt zurück.«

Der islamische Mystiker Hujwiri (gest. um 1071) legt dar, dass sich der Begriff Derwisch auf »heilige Armut« bezieht. Ein Derwisch, so Hujwiri, sei nicht einer, der mit leeren Händen dastehe, sondern einer, dessen Wesen frei von Wünschen sei. Das Wort »Derwisch« kann mit Dergah (Türschwelle) in Verbindung gebracht werden. Damit wird angedeutet, dass die Derwische zwischen zwei Welten stehen – zwischen der irdischen und der spirituellen. Eine weitere Bezeichnung für die Derwische im arabischen Sprachraum ist Fakire (Arme). Es heißt: »Sie sind arm an materiellen Dingen, aber reich im Herzen.« Man nennt sie aber auch Muriden (Schüler), womit angedeutet wird, dass das Leben ein ununterbrochener Lernprozess zur geistig-spirituellen Höherentwicklung ist.

Von der Wortwurzel Suf lässt sich das arabische Wort für »Mystik« ableiten: Tassawuf. Möglich ist allerdings auch, dass Tassawuf die arabisierte Form des griechischen Wortes Theosophie (Göttliche Weisheit) ist, das die Erkenntnis der geistigen Gesetze bedeutet. Als »Mystiker« werden jene Menschen bezeichnet, die tief in die geistig-seelische Welt eintauchen wollen. Sie streben eine bewusste Verschmelzung mit der Weisheit, Liebe und Allmacht Gottes an. Das Ziel ist ein Zustand, in dem schon in diesem Leben die Einheit der Schöpfung erkannt wird.

Was aber ist nun ein Sufi? – »Sufis sind Menschen, die Gott allem anderen vorgezogen haben, sodass Gott sie allem anderen vorzieht«, so drückt es der ägyptische Sufi Dhun Nun (gest. 859) aus. Und der persische Derwisch Abu Said (gest. 890) erklärte, ein Sufi zu sein bedeute, alle Sorgen hinter sich zu lassen, und es gebe keine größere Sorge als die um sich selbst. Der afghanische Derwisch Hujwiri (gest. 1071) sagt: »Der Sufi ist sich selbst abwesend und in Gott gegenwärtig.« Und der sufische Theologe Al Ghazzali (gest. 1111) schreibt: »Ein Sufi sein bedeutet, unaufhörlich in Gott zu verweilen und mit den Menschen in Frieden zu leben.« Nuri (gest. 907) wusste dazu zu sagen: »Ein Sufi ist jemand, dem nichts anhaftet und der an nichts festhält.« Einer der bedeutendsten modernen Derwische, der Inder Pir Hazrat Vilayat Khan (gest. 1927) schrieb: »Sufismus ist die Religion des Herzens«, und ein anderer moderner Sufi-Scheich drückte es folgendermaßen aus: »Sufismus ist eine Technologie des Erwachens«.

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 2. Der Glaube der Sufis

2.1 Die Einheit des Seins

Gott ist. Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet. Es gibt nichts außer Gott und alles, was ist, ist er. – Mit diesen Worten könnte man das Wissen der Sufis skizzieren, wie es Ibn Arabi in seinen Mekkanischen Offenbarungen zusammengefasst hat. In seinem Buch schreibt er nichts Neues, sondern interpretiert lediglich die Aussagen des Korans in einem ursprünglichen Zusammenhang, von dem angenommen wird, dass er den Muslimen der ersten Generationen noch bekannt war. Khalq, »die Schöpfung«, wurde von Khaliq, »dem Schöpfer«, geschaffen, auf dass er sich seiner selbst bewusst werde. Dabei gab es keinen Anfang und es wird auch kein Ende geben. Alles ist ein einziges Werden, durch das die göttliche Essenz (Haqq) sich ihrer selbst bewusst wird.

Den Geschöpfen mag die Schöpfung als Vielheit erscheinen, und doch bildet diese Vielheit eine Einheit, der ein und dieselbe Essenz (Haqq) zugrunde liegt. In einem gewissen Sinn mag die ganze Schöpfung als mit dem Schöpfer eins erscheinen, in einem anderen Sinn jedoch nicht. Alles ist eine Frage des Blickwinkels. Scheinbar paradoxe Aussagen des Korans, wie »Der Erschaffer ist das Erschaffene«; »Ich bin er und er ist ich«, »Ich bin er und nicht er«; »Haqq ist Khalq und Khalq ist Haqq«, »Haqq ist nicht Khalq und Khalq ist nicht Haqq«, erklärt Ibn Arabi mit der beschränkten menschlichen Fähigkeit, die göttliche Realität wahrzunehmen.

Würde Gott nicht alle existierenden Dinge durchdringen, so hätte die Welt keine Existenz. Es wären keine Aussagen über sie möglich. – Es gibt nichts außer Gott. Alles ist Allah und alles ist von seiner Essenz durchdrungen. Aus ihrem eigenen Blickwinkel heraus sind die geschaffenen Dinge einzigartig. Aus Sicht der Wirklichkeit jedoch bilden sie alle eine einzige zusammenhängende Einheit. »Wenn du ihn durch ihn betrachtest«, so Ibn Arabi, »so betrachtet er sich selbst durch sich selbst. Das ist der Zustand der Einheit. Wenn du ihn durch dich selbst betrachtest, verschwindet diese Einheit.«

 Alles ist ein Wechselspiel von Haqq, »Wirklichkeit«, und Khalq, »Erscheinung«. Das sind nur zwei von vielen Begriffen, die dazu dienen, die eine und alles umfassende Wirklichkeit zu charakterisieren: Gott. Die scheinbare Dualität von Haqq (Wirklichkeit) und Khalq (Schöpfung) ist keine wirkliche Dualität, ihr liegt vielmehr eine unterschiedliche Wahrnehmung der allumfassenden Einheit und Allgegenwart Allahs zugrunde.

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